Hähnchenparadies


In meinem Ort gibt es ein „Hähnchenparadies“. Auf einer Ecke an der Hauptstrasse fällt es durch bunte Farben und grosse Schrift ins Auge. Ein viel versprechender Name, auch wenn die säuberlich am Spieß aufgereihten Hähnchen das anders bewerten würden, könnten sie uns davon künden. Immerhin dürfen sie sich selbstverloren eine Weile ganz um sich selbst drehen, es ist warm und Farbe bekommt man dabei auch. Ist das nun das Paradies, das Fegefeuer oder gar eine Hölle, in die man unter dem irreführenden  Namen „Paradies“ geraten ist?


Auch andere sind schwer unterwegs in Richtung Paradies, gerne in Begleitung Weiterer, dazu nicht näher Befragter, unter Zuhilfenahme moderner Beschleunigungstechnik, das geht einfach schneller und ist recht sicher. Es scheint auf ein älteres Brauchtum zurückzugehen, gab man doch schon vor Zeiten Berufenen Begleitung mit ins Grab, wahlweise Ehefrauen, Gesinde, Nutztiere, die sich diesem höheren Zweck sicher gerne unterworfen haben. Insoweit sind Nachfragen auch heute entbehrlich bei dieser besonderen Form der Brauchtumspflege. Die Delegation der Selbstentleibung an Dritte, beispielsweise Kinder oder minderwertige Daseinsformen bspw. weiblichen Geschlechts wäre allerdings seinerzeit noch als unpassend empfunden worden. 

Es handelt sich bei den so Auserwählten und Bestimmten sozusagen um Paradiestester auf dem Weg voraus. Obgleich: Testberichte werden schmerzhaft vermißt, zumindest kursieren sie lediglich in auserwählten Kreisen. Wenn überhaupt. Stutzig in diesem Zusammenhang macht, dass die Anstifter nach der Testphase nie selbst den Stift ins Paradies ziehen. Es scheint also keine guten Nachrichten zu geben. 


Die Verheißungen des Paradieses für diue  „Hähnchen“ - erscheinen den unfreiwillig Mitgenommenen - auch den angestifteten Selbstbeschleunigern - womöglich weniger verheißungsvoll.

So sind Jungfrauen für Kinder generell kein rechter Anreiz und auch für die Damen wären vermutlich andere Angebote häufig reizvoller. Es bleiben also Fragen offen und in der Ewigkeit ist etwas so Vergängliches wie eine Aufreißpackung - wenn man die verheißene Jungfrau einmal so bezeichnen möchte  - ohne tatsächlichen Wert. Kommt man überhaupt, als „Hähnchen“ mit seinen wesentlichen Teilen „dort“ an, oder mag es passieren, dass zum Vollzug Unabdingbares zwischenzeitlich verlorengegangen ist, wer mag darüber spekulieren. Enttäuschungen scheinen jedenfalls nicht ausgeschlossen. Werden sich die Mitgenommenen tatsächlich freuen oder unfroh gucken, von Ewigkeit zu Ewigkeit. Nicht auszudenken. 


An diesem Punkt befinden wir uns wieder in der Auslage des Hähnchenparadieses. Mir scheint, der Name verspricht mehr, als er je halten kann. Nicht nur den Hähnchen. 


© Constantin Klein 2019