Sprossen

Eine Quelle des Mißverstehens zwischen Männern und Frauen ist sicher der Umgang mit Lebensnotwendigkeiten, wie beispielsweise dem Essen. Wie oft habe ich mir gerade den Bauch vollgeschlagen, als die Frage im Raum steht, was denn bitteschön morgen zu essen sei. Wie immer fällt mir auf diese Frage nicht nur nichts ein, ich bin gar nicht in der Lage, mir die Notwendigkeit einer weiteren Nahrungsaufnahme auch nur vorzustellen. Dies läßt mich im Auge meines weiblichen Gegenübers schnell als phantasielosen Einfaltspinsel erscheinen, dem selbst banalste weibliche Bedürfnisse wesensfremd sind. 

Dabei liegt es nur an den vorgeschichtlichen Genen. Als Jäger ist man es einfach gewöhnt das zu essen, was man soeben erjagt hat. Woher soll ich denn wissen, welches Jagdglück mir morgen – vielleicht – widerfährt? Ich werde erst jagen gehen, und dann das verzehren, was mir über den Weg gelaufen ist. Die weiblichen Sammlerinnen dagegen, ausgestattet mit ihren Beeren, Blättern und Hirsekörnern unterm Wams können nach Wahl in die eine oder die andere Körperfalte greifen und so das Angebot variantenreich gestalten. 

Stelle ich mir diese Form der Vorratshaltung rückblickend bildlich vor, dann gehe ich dann auch heute noch lieber auf die Jagd – auch auf die Gefahr hin, bei Mißerfolg hungern zu müssen. Alles besser, als (das) Sprossen aus Muttis Falten …  

© Constantin Klein 2019