Zollstation



Eine Sendung aus Amerika war unvermutet im Zollamt abzuholen. Zweckmässiger Neubau in einem Gebiet gewerblicher Nutzung, gegenüber der Friedhof. Ruhige, leere Athmosphäre beim Eintritt. Eine untergeordnete Obrigkeit weist mir, einem Fehllaufenen, mit mißtrauischem Amtsblick den zulässigen Weg. Im Raum für die Postsendungen halten sich fünf völlig entspannt wirkende Männer jüngeren Mittelalters auf und widmen sich ohne falsche Rücksichtnahme ihren jeweiligen Beschäftigungen, darunter auch Zeitung lesen und Nahrungseinnahme. Ein Kunde wird vor mir abgefertigt - bedient also, bis er es womöglich ist  - freundlich, geduldig, langsam, mit Bedacht. Mir geht es schon bald genauso. Ich hole ein  Päckchen mit Computerkleinteilen. Das Gebinde ist zunächst im Rahmen einer Einzelzollanmeldung zu öffnen, der Inhalt vorzuweisen, ebenso die dazugehörige Rechnung. Der Herr Schnarrenberg ist zufrieden, als Befund der „vollen Gesamtbeschau“ werden fünf USB-Sticks festgestellt. Auf die Lieferung müssen laut „Einfuhrabgabenbescheid“ 9,16 Euro gezahlt werden. Dieser Bescheid wird nun im Rahmen eines Verwaltungsaktes sogleich hergestellt und umfaßt fünf Ausdrucksseiten, einschließlich eines Rechtsbehelfes und des Hinweises, dass der soeben hergestellte EDV - Beleg der Unterschrift zur Rechtswirksamkeit nicht bedarf. Mit dem überlassenen Schriftgut samt Überlassungsdatum darf ich zur „Geldstelle“, wo sich alsbald, jedoch gemächlich, ein weiterer freundlich - entspannter Mitarbeiter vom Hintergrund löst, den Vorgang mit Sorgfalt prüft und mir schließlich eine handschriftliche Quittung erstellt. Sie beinhaltet auch meine vollständige Adresse sowie das 18 - stellige Aktenzeichen. Ich zahle den erbetenen Beitrag und erhalte meinen Quittungsbeleg „zum Verbleib“. 

Ich trolle mich zufrieden im nun rechtmässigen Besitz meines Päckchens transatlantischer Herkunft. Schön, diese kleine eigene Welt auch einmal erlebt zu haben. Geordnete Verhältnisse, in der Ruhe liegt die Kraft. Deutschland, ich danke dir. Die entstandenen Vorgänge gebe ich alsbald der Vernichtung anheim. 

© Constantin Klein 2019